Archive | Dezember, 2012

Wie wird ein Charakter

21 Dez

die Aktivität des Gehirns und die Speicherung von Information. Viele Dinge habe ich mir auf der Fahrt im Auto von Zürich nach Saarlouis überlegt am 31.12.1983, dabei kann mir auf einmal ein Denkmodell in den Sinn, wie es sein könnte im menschlichen Gehirn von den ersten Kindheitstagen an. Ich denke mir, dass da zunächst einmal sehr wenig Strukturierung im Bewusstsein vorliegen dürfte, lediglich zwei große Pole und zwar dem „Behagen“ – Bereich und den „Unbehagen“ – Bereich, dazwischen ein Zustand der Zweideutigkeit. Alle Sinneseindrücke und deren Kombinationen werden erlebt, und als angenehm oder unangenehm markiert. Von den fünf Sinnen und verschiedenen anderen Sensoren, die über die Lage des Körpers Hungergefühle u.s.w. Meldungen abgeben. Geschmack, Geruch, das Gesehene, Gehörte. Die Nervenleitungen vermitteln dem Gehirn Informationen. Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen, Hören, dazu die Meldungen über das Gleichgewicht, über die Temperatur u.s.w. werden als Ganzheit erlebt und als Ganzheit bewertet, entweder als nebensächlich, als wichtig, als lebenswichtig und – als positiv,  behaglich oder negativ, unbehaglich. Das Kind fängt dann an und verknüpft miteinander. Es empfindet etwas als angenehm, dann wird der Zustand, alles was es gerade sieht, hört, schmeckt, riecht, fühlt, sozusagen gebündelt und als Erlebniskombination mit dem Vermerk behaglich versehen abgespeichert. Wenn es dann weitere Erlebnisse macht, werden sie mit den vorhandenen Erinnerungen verglichen und hinzugefügt. Macht das Kind   unangenehme Erlebnisse, die Berührung mit kaltem Wasser zum Beispiel wenn es gewaschen wird, bekommen diese Erlebnisse den Vermerk unangenehm. Einige solche Erinnerungen haben schon einen ganz praktischen Sinn, nämlich etwas unangenehmes möglichst zu umgehen, und etwas angenehmes zu erreichen. Mit der Zeit können wir uns vorstellen, dass eine ganze Reihe von Erinnerungen vorhanden sind, und zwar schon genau unterschieden danach, ob das Kind eine positive oder eine negative Haltung dazu einnimmt. Nach einer Weile gibt es eine ganze Reihe von Bildern vergangener Erlebnisse, die positive oder negative Erwartungen auslösen, beispielsweise das Erscheinungsbild der Mutter, der Person die die lebensnotwendige Pflege und Ernährung sichert, bekommt auf diese Art im Laufe der Zeit so viele angenehmen Vermerke, dass der Kontkt mit ihr bald unauslöschlich als unfehlbar und gut markiert ist. Nun wird es interessant – und gefährlich, wenn nämlich dieselbe so vergötterte Mutter ärgerlich und müde ist – oder sogar sich über das Kind ärgert und es – etwa mit bösen Blicken, Traurigkeit oder Schlägen – bestraft. Der Verlust ihrer Zuwendung bedeutet für das Kind Lebensgefahr. Jetzt tut also die Mutter etwas Unangenehmes – für das Kind ein Grund zum Erschrecken und Überlegen. Das neue Erlebnis wird quasi zum Vergleich über die Alten gelegt – und passt nicht mehr ins Bild. Die Verknüpfung Mutter – „unangenehm“ will in dieser Form nicht in den Speicher, das kommt quasi an der Türkontrolle nicht vorbei. Erst nach einer Interpretation beziehungsweise Verdrehung passt sie wieder in das Bild. Die (gute) Mutter ist wegen mir bösem Kind ärgerlich – das mag die Version sein, die in das Erfahrungsmuster passt –  und in das Gedächtnis herein gelassen wird. Steht nun der kleine Mensch vor einem Problem, dann hat er die Möglichkeit, seine Erfahrungen durchzusehen und wenn dann noch nichts Passendes anfällt, können noch die Komponenten der Erfahrungen gemischt und in der Phantasie neu miteinander kombiniert werden. Was dann herauskommt, kann man der Reihe nach ausprobieren. Das, was nicht funktioniert, kann man vergessen. Aber was Erfolg bringt, ist eine erprobte Variation. Wenn man es mit einem Computer vergleicht, dann gibt es da die Zentraleinheit (zur Problemlösung), die unablässig alle bisherigen Erfahrungen mischt, durchsortiert wieder neukombiniert, und daraus entstehen dann zuletzt die Ideen zur Lösung der Probleme, all dies geschieht noch weitgehend unbewusst. Ich könnte mir denken, dass die Ideen bereits unbewusst als brauchbar und unbrauchbar vorsortiert werden, bevor sie ins Bewusstsein kommen, wenn sich dann bewusste  Denkvorgänge anschließen, die dann praktisch die Ideen anwenden lassen, wenn so eine Begriffskombination auftaucht in der Fantasie, und an sich verworfen wird wegen der bisher gültigen Orientierung, aber die Umstände so sind, dass doch der Wunsch zu einer Übertretung entsteht, dass dann im Schlaf die Gedanken und Wünsche des Tages noch einmal gesichtet werden. Dann kommt beim Vergleich mit den Vorschriften und Regeln das Minuszeichen, ein Signal, das Unbehagen auslöst, zum Vorschein. Wenn viele solche Minuszeichen zusammenkommen, entsteht ein Gefühl großer Gefahr. Dann wirkt das unter Umständen auf ein Organ, (irgend einen oder mehrere schwache Punkte hat der Mensch), wo sich psychosomatisch etwas äußert. Organe werden fehlgesteuert. Dann ist der Mensch eben krank. So etwa sieht das Modell aus, dass ich mir vorstellen könnte. Wenn man sich weiterdenkt aus dem Kleinkindalter in das etwas fortgeschrittene Alter, (2-5 Jahre) dann wird das Ganze noch viel komplexer, vielschichtiger. Das sprachliche kommt dann dazu, die Eltern haben die Möglichkeit, ihrem Kind mit der Sprache ihre Meinung zu vermitteln. Dann kann es zu größeren Irrtümern kommen. Dann werden Vorurteile unter Umständen ganz krass weitergegeben, wenn zum Beispiel negativ gesprochen wird über andere Menschen, über Nachbarn abfällig gesprochen wird. Die Stimmung, der Ton ist von großer Bedeutung, ist ganz entscheidend dafür, ob dieser Mensch, um den es geht – und damit ein Teil der Menschheit überhaupt – diesen negativen Vermerk erhält. Das sind dann Probleme mit denen der Erwachsene zu kämpfen hat, ich möchte sagen, wenn man von Logik und Unlogik und von Verstand und Gefühl als voneinander unabhängigen Begriffen spricht, kann man das so nicht sagen. Was wir Gefühle nennen, Dinge die uns Angst machen, das ist die Folge der Irrtümer und der maßstäblichen Verschiebungen. Eine maßstäbliche Verschiebung entsteht dadurch, dass das kleine Kind sich anfangs neben den Erwachsenen so klein und schwach fühlt (und ist,) hilflos. Diesen Maßstab behält man, wenn nicht dieser Irrtum behoben wird durch verständnisvolle geduldige Eltern (gibt es die immer?), oder in der Therapie. Die Werte der Kultur, die religiösen Maßstäbe, die unbewusst von den Eltern vermittelt werden, wo ganz krass mit dem plus und minus im Sinne von Gut und Böse, Himmel und Hölle usw. gearbeitet wird, das ist ein Hauptübel. Bei diesem statischen Weltbild, wo auf jegliche Differenzierungen verzichtet wird, werden die Attribute für alle Zeit verteilt. Der geschichtliche Gedanke, dass sich alles entwickelt, wird ersetzt durch Qualitäts – und Schuldkategorien, die festgeschrieben werden. Die Skala zwischen Behagen und Unbehagen ließe sich in Zwischenstufen unterteilen. Bei Begriffen wie Himmel und Hölle, gut und böse, reich und arm wird eine Polarisierung vorgenommen, so dass der kleine Mensch nicht mehr Veränderungen wahrnimmt, sondern nur plus und minus zuordnet, erstrebenswert oder nicht erstrebenswert. Ich empfinde, dass der ruhige, geborgene Zustand des Sattseins, der erfüllten Wünsche, etwas mit dem Begriff des „Seins“ zu tun hat, während der Mangel zu Aktivitäten anregt, und dazu führt, dass man etwas haben möchte. Das ist der „Haben“- orientierte Zustand in meinen Überlegungen. Es geht also um „Haben oder Sein“, und das erinnert an den Titel eines Buches von Erich Fromm. Wenn man der Meinung ist, nicht recht zu sein, oder der Schuldige oder Böse, oder der Unfähige, siedelt man sein eigenes Ich im negativen Bereich an, sein Selbstbild. Dann kommt man in ein großes Rennen um die Anerkennung, um die Erfüllung der Besitzwünsche. Das beinhaltet auch, dass die körperliche Steuerung entsprechend eingestellt ist, das hat bei mir dazu geführt, dass ich nie zur Ruhe kam, dass ich nie einen Wecker brauchte. Immer bereit zur Leistung, hektisch bedacht, nichts zu versäumen.